Die Flasche im Schacht
Ich sitze da.
Unbekümmert.
Vielleicht verträumt.
Mein Blick wandert.
Ruhig.
Weich.
Und doch wach.
Dann sehe ich etwas,
wo meine Augen hängen bleiben.
Eine kleine Tür –
Unscheinbar,
Verwachsen mit der Wand.
Ein rostiges Schloss.
Ein zarter Schlüssel darin.
Geheimnisvoll.
Verheißend.
Ich drehe ihn.
Ein Widerstand.
Er fordert mehr.
Es klimpert.
Quietscht.
Dann gibt es nach.
Ein leiser Triumph.
Ich öffne.
Eine stille Dunkelheit,
geweitet durch Schatten.
Meine Hand tastet
auf feuchten Boden -
kleine Steinchen,
knirschend wie Kiesel.
Ich beuge mich,
möchte tiefer blicken.
Sehe Rohre.
Berühre zaghaft.
Kalt.
Metallisch.
Dahinter, daneben -
Ich weiß es nicht mehr.
Etwas leuchtet.
Glitzerndes Braun.
Nicht zu diesem Ort gehörend.
Ich strecke meinen kleinen Arm,
durch samtige, silbrige
Spinnweben.
Ich greife weiter.
Etwas bewegt sich.
Klirrend.
Ich ziehe es heraus:
Eine Flasche.
Wunderschön.
Glatt.
Glänzend.
Majestätisch.
Mit einer Schrift,
die ich nicht lesen kann.
Aber ich verstehe:
Ein Schatz.
Ein Fund.
Ein Zeichen.
Ich will ihn zeigen.
Flitze durch den Flur -
ich habe etwas gefunden,
hier, in unserer Wohnung.
Ich zeige ihr die Flasche.
Strahlend.
Stolz.
Inbrünstig.
Ich erinnere nicht,
ob ich ahnte,
welche Kraft sie in sich trug.
Ob das Leuchten in mir
meins war –
oder ihres.
Ich erinnere nur
ihren Blick.
Groß.
Kräftig.
Blitzend.
Ein echtes Ja.
Mein Stolz wuchs.
Mein Fund war wichtig.
Ich war bedeutsam.
Ich ließ die Flasche bei ihr.
Ging.
Doch das Gefühl verweilte.
Ich lauschte.
Blieb offen.
Wollte wissen,
was es mit ihr auf sich hatte –
mit der Flasche.
Mit mir.
Vielleicht bekam ich eine Antwort.
Vielleicht auch nicht.
Ich erinnere nur:
„Du bist so gut.
Du kannst dich hineinfühlen.
Du findest Verstecke,
die ich nicht kenne.“
Dieser Satz blieb.
Verankert.
Verwoben mit mir.
Ich bin wichtig.
Er wurde zu etwas Echtem.
Zu einem Können.
Zu einer Aufgabe.
Manchmal sah ich sie
durch die Wohnung schleichen.
Suchend.
Hilflos.
Verzweifelt.
Dann spürte ich wieder hinein.
Zurück
in diesen Satz.
In mein Können.
Ich fand.
Immer wieder.
Und etwas in mir
wuchs in mich hinein.
Wuchs mit.
Ich wurde schärfer.
Wacher.
Fokussierter.
Für die Situationen,
in denen mein Können
bedeutsam war.
Irgendwann
brauchte ich sie nicht mehr,
um zu wissen:
Ich kann.
Ich muss.
Ich finde.
Es wurde meine Aufgabe.
Meine Pflicht.
Ich.
Ein Blick von ihr –
glasig.
Angstvoll.
Ein Blick auf ihn –
leer.
Körperlos.
Und ich suchte.
Sofort.
Ohne Zögern.
Ein innerer Antrieb:
Ich.
Nur ich.
Werde es schaffen.
Ich werde die Lösung sein.
Es war mächtig in mir.
Ich funktionierte.
Mit meinem Gespür.
Mit meinem Wissen.
Wenn ich nichts fand,
suchte ich weiter.
Bis etwas da war.
Immer.
Und dann
kam der Moment,
in dem ich die Flasche
nicht mehr gab.
Ich zeigte sie.
Direkt.
Ihm.
Ich schwieg nicht mehr.
Hielt nicht mehr aus.
Ich spürte:
Die Wut.
Die Enttäuschung.
Die gebrochenen Versprechen.
Dein Immer-wieder.
Deine Ausreden,
die ich nicht mehr gelten ließ.
Und du standest vor mir –
kaum dich selbst tragend.
Ich brüllte.
Schrie.
Ein Schmerz,
der stach in der Tiefe.
Ich spürte:
Ich bin nicht wichtig.
Ich reiche nicht aus.
Worte kamen -
stark
und doch nicht stark genug,
um zu fassen,
was in mir war.
Ströme durchzogen meinem Körper.
Sie brachen etwas auf.
Doch sie erleichterten nicht.
Sie wurden stärker,
Berührten jede Faser.
Fließend -
sie wollten mehr.
Ich beschimpfte dich.
Mit Worten,
die nicht hielten -
sondern trafen.
Ich sehe ein Zucken
in deiner Schulter.
Deine Hand.
Deine Lippen,
fest aufeinander.
Dein Gesicht -
verhärtet.
Ich übernehme
„Willst du mich jetzt wieder schlagen?“
Ich biete dir Etwas.
Stark.
Nah.
Blicke dir in deine Augen
und sage:
Tu es.
Schlag mich.
Ich sehe,
wie du dich beherrschen musst.
Wie du etwas in dir hältst.
Ein eingefrorener Moment.
Zwischen dir und mir.
Du tust es nicht.
Ich sage:
Du bist feige.
Ekelst mich an.
Widerlich.
Ein Nichts.
Und in diesem Augenblick
sprechen deine Augen
eine Sprache,
die ich nicht kannte.
Nicht von dir.
Etwas -
in dir:
Zerrissen.
Zerstört.
Verletzlich.
Hilflos.
Nackt.
Ich habe etwas kaputtgemacht.
Ich habe dich gebrochen.
Und in meinem Körper
zersetzte sich eine Spannung
zwischen Wucht
und Schuld.
Zwischen Forderung
und Verlust.
Ich beugte mich
in ein Gefühl:
Ich achte dich nicht mehr.
Ich blicke nicht mehr hinauf.
Ich wurde leise.
Ich ging.
Und dein Blick
haftete in mir.
Über viele Jahre.
Ich spürte
die verkantete Verschiebung.
Ein Knarren und Quietschen,
von dem ich wußte:
Das ist nicht richtig.
Und doch ist es da.
Ich schwor mir:
Nie wieder
will ich diesen Blick sehen –
nicht durch meine Worte.
Nicht durch meine Energie.
Nicht durch meine Kraft.
Also mied ich alles,
was mich mächtig machen könnte.
Ich mied meine Fähigkeit,
zu suchen,
wenn jemand sich ratlos verirrte.
Zu finden -
eine Antwort,
verkörpert durch mich.
Zu können, was mir Einfluss versprach.
Ich mied,
was mich bedeutsam hätte werden lassen.
Und wenn jemand sagte:
„Du bist so gut in dem, was du kannst.
Du solltest …
Du müsstest …
Du kannst mehr.“
Dann erinnerte mein Körper.
An die Energie,
die ich nicht aufhalten kann.
An die Gewalt in mir - die zerstört.
Durch meine Gabe.
An den Blick.
Diesen einen Blick,
der alles veränderte.
Mit einer Angst vor mir selbst.
Mit dem Wissen,
wozu ich fähig bin.
Wie ich brechen kann.
Also sperrte ich es ein.
Tief in mir.
Meine Fähigkeit -
die glitzerte,
wie ein Schatz.
Legte sie in eine Flasche.
Verschlossen im
Schacht.