Meine Wut

Ich kannte sie.

Ich wusste, wozu sie fähig war.


 

In Verzweiflung und Dramen.

Im Flehen und Fordern.

Im Kampf und in der Erschöpfung.


 

Und in meinem Spiegelbild:

Das bin nicht ich.

So will ich nicht sein.


 

Und ich schwor mir:

Nie wieder.

Mit so einem Menschen.

In so einer Beziehung.


 

Als ich dir begegnete,

war es nicht so.


 

Du mochtest meine Ruhe.

Das Gelassene,

das in mir wohnte.

Das Sichere,

das in dich strahlte.


 

Ich sagte dir,

ich kann auch anders.

Nicht immer so.


 

Ich kann jähzornig sein,

schreien, aggressiv.


 

Ich spürte deine stillen Fragen,

deine heimliche Suche

nach meiner Wut.


 

Manchmal sagtest du:

„Ich weiß gar nicht, was du meinst.

Ich erlebe dich nicht so.

Du bist ausgeglichen.“


 

Und ich meinte:

Ja, ich fühle es nicht.

Ich finde es nicht –

den Anlass, den Moment, die Situation.


 

Es irritierte mich.

Verwirrte.


 

Denn im Inneren hörte ich den Satz:

Du bist wie dein Vater. Dein Großvater.

Jähzornig und laut.


 

Ich trug ihn in mir

wie ein Erbe.

Spürte den Abdruck in meinem Blut.


 

Doch mit dir war er nicht da.

Ich blieb wachsam,

während deine Suche verschwand.


 

So vergingen Jahre –

ohne Wut.


 

In mir wuchs das Gefühl:

Ich habe den richtigen Menschen gefunden.

Es geht.


 

Es bestätigte sich:

Ich muss nur jemanden finden,

bei dem sie nicht kommt.


 

Irgendwann dachte ich:

Es stimmt nicht,

dieser Stempel auf meiner Haut.

Ich wischte ihn einfach weg.


 

Ich bin nicht aggressiv.

Nicht jähzornig.

Das bin ich nicht.


 

Ich war stolz.

Erleichtert –

ohne diese Bürde.


 

Doch manchmal wuchsen kleine Momente.

Schwere in mir.

Die ich nicht benennen konnte.


 

Schleichend.

Mal da, mal nicht.


 

Ein Klopfen in meiner Brust.

Manchmal flossen Worte –

ohne Angriff, kraftvoll,

aber nicht laut.


 

Eine stille Energie,

die ich in mir zügelte.


 

Ich beobachtete mich:

Ist sie da?


 

Doch ich fand einen Unterschied:

Ich wollte nicht zerstören.

Ich wollte nicht weh tun.

Es war kein verzweifelter Schrei.


 

Und so war es nicht oft.

Doch es wurde mehr.


 

Für dich unbemerkt.

Oder ungesagt.


 

Es wurde leiser zwischen uns.

Härter.

Dichter.


 

Ich war beladen im Innen,

sorgte für dich –

und für alle.


 

Du mochtest mich immer noch.

Wie ich klar war

und abgegrenzt.

Wie ich konnte.

Und was ich konnte.


 

Meine Ruhe.

Das Sichere.


 

Und dann, eines Tages,

sagtest du mir,

du seist verliebt.

Vielleicht.


 

Ich machte aus dem Vielleicht ein Nein.

Und du versuchtest es auch –

mit meiner Stimme.


 

Dann war Stille.


 

Im Ungesagten.

Im Ungehörten.


 

Und dann fiel mein Blick auf dein Handy.

Flüchtig.

Und doch deutlich.


 

Unbedacht –

und zugleich wie ein Sog.


 

Rasch.

Intuitiv.


 

Ich sah Bilder.

Worte,

als seien sie an mich gerichtet.


 

Doch sie waren es nicht.


 

Ich erstarrte.

Ein Nebel durchzog meinen Körper.

Betäubend.

Unwirklich.


 

Ich sah – und erkannte nichts.

Las – und verstand nichts.


 

Ich wollte aufnehmen,

so viel ich konnte.

Aber es ging nicht.


 

Alles stand still.

Nichts zu spüren.


 

Dann kam die Flut.

In meiner Brust.

In meinen Fasern.


 

Es floss.

Überall.


 

Meine Hände zitterten.

Meine Beine vibrierten.

Strom in mir,

den ich nicht halten konnte.


 

Ich suchte dich.


 

Und ich fand meine Wucht.

Meine Wut –

mit der zerstörerischen Kraft.


 

Fand den Kern,

an dem es stach

und schmerzte:

Vertrauen.

Verloren.

Mich.

Verloren.


 

Druck,

an dich gerichtet.


 

Es entzweite mich.

Ich wollte es nicht.

Doch ich tat es.


 

Mit Worten,

die nicht ausdrücken konnten,

was ich fühlte.


 

Ich sah dich.

Sitzend.

Regungslos.

Eingefroren.


 

Glasige Augen.

Leere.


 

Zerrissen zwischen

„Ich will nicht“

und

„Ich muss“.


 

Kämpfend mit meinem Körper.

Meinem Handeln.


 

Und es strömte im Widerstand.


 

Kleine Wellen

gaben mir Atem

und den Willen,

zu gehen.


 

Ich spürte den Bruch –

in deiner Fähigkeit

und in meiner.


 

Und stand an dem Ort,

an dem ich mir einst schwor:

Nie wieder.


 

Und ich verstand:

Die Wut –

die zerstörerische Wut –

ist ein Teil von mir.

Nicht in meinem Wesen,

sondern ein Teil meiner Geschichte.

Und es ist Zeit, ihr zuzuhören.


 

Bindungstrauma im Körper

Die Kraft traumatischer Wut

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